Die Kantine Köln war am 23. Januar 2026 sehr gut gefüllt und es war Klar: Heute wird es laut! Heute wird alles rausgelassen: Punk als Ventil und Gemeinschaftsgefühl von Jung und Alt.
100Kilo Herz – Nähe, Wut und Zusammenhalt
Den Abend eröffneten die Leipziger Brass Punk Band 100Kilo Herz direkt und ohne Umschweife. Mit „Eh OK“ zogen sie das Publikum sofort in ihren Bann. Ihr Set rau, direkt und mit einer Ehrlichkeit, die die Band so zugänglich macht. Lieder wie „Im selben Boot“ und „Drei Jahre ausgebrannt“ trafen viele von uns mitten ins Herz. Sie handeln von Erschöpfung und dem unaufhörlichen Weitermachen. Ich sah Menschen mit geschlossenen Augen, die sich umarmten oder ihre Fäuste in die Luft streckten.
Bei „Wir sind hier nicht in Seattle“ und „Dazugehören“ wurde die Kantine zum großen Chor, ein Gänsehautmoment! Besonders beeindruckend war „Dreck und Glitzer“, und die natürlich die Hits „Happy Hour“ und „Komm mit uns“, die das Tempo hochhielten, während „Station 30“, „Pogo und Polka“ und „Der Späti an der Klinik“ den Moshpit in Bewegung hielten. Mit „Keine Zeit für Angst“ endete ihr Set kämpferisch und vereint. Ein Auftakt, der sowohl Herz als auch Energie des Abends perfekt definierte.

Slime – Gegenwart statt Nostalgie
Und dann waren Slime dran. Es gab kein großes Theater, keine Rückblicke, sondern einfach auf die Bühne, als wäre das ihr ganz natürlicher Platz. Tex Brasket seit 2021 am Mikrofon war präsent, voller Wut und Konzentration. Seine Stimme schleuderte die Texte ins Publikum und ließ jeden Raum zum Mitschreien und Mitfühlen.
An den Gitarren sorgten Michael „Elf“ Mayer und Christian Mevs für den klassischen Slime-Sound: kantig und kompromisslos. Nicole „Nici“ Perkovic am Bass legte ein treibendes Fundament, während Alex Schwers am Schlagzeug gnadenlos,präzise und laut durch die Songs führte.
Mit „Heute nicht“ gab es gleich zu Beginn ein klares Statement: Keine nostalgische Show, sondern ein kraftvoller Aufruf zur Gegenwart. Ihr Set umfasste eine beeindruckende Bandbreite ihrer Geschichte mit Songs aus den Alben „Slime I“ und „Yankees raus“ wurden gleichberechtigt neben aktuellen Stücken platziert und schallten erschreckend aktuell durch den Raum. Die Songauswahl fand ich perfekt getroffen, wie „Armes Deutschland“, „Evolution“, „Fickt Euch alle“, „Monster“ oder „Schweineherbst“ wurden mit der kraftvollen Stimme von Tex in die Halle geschmettert.

Nur für einen kurzen Augenblick kehrt Ruhe ein, als Slime ihre Akustikgitarren hervorholten und mit den Stücken „Gewalt“ und „Heute nicht“ zwei unerwartet zerbrechliche Momente erzeugten. Die schroffe Wut der Band zieht sich zurück und schafft Platz für eine atmosphärische Stimmung, Nachdenklichkeit und gemeinsames Innehalten.
Mit „Ebbe und Flut“ und „Schatten“ baute sich sofort wieder ein körperlich spürbarer Druck auf und es gab wieder kein Halten im Pogo Wahnsinn. „Bock auf Leben“ ließ Hoffnung aufblitzen mit „Sein wie wir“ beendeten sie ihr reguläres Set hart und kompromisslos.
Die Zugaben waren weniger ein Bonus, sondern mehr ein gemeinsamer Schwur. „Zusammen“ traf genau den Nerv des Abends. Hier steht niemand allein. „Saufen“ aus dem aktuellen Album „3!+7¹“ brachte eine kurze, rohe Eskalation, bevor „Linke Spießer“ und „Störtebeker“ wieder scharf und politisch wurden. „Religion“ setzte schließlich den letzten Punkt – wütend und klar.
Am Ende des Abends blieb dieses warme Brennen in meiner Brust zurück und ein verschwitztes Shirt. 100Kilo Herz gaben Nähe und Emotion, während Slime Richtung, Widerspruch und Konsequenz verliehen. Ihre Songs schienen einen einzigen, zusammenhängenden Kommentar zur aktuellen Lage abzugeben.
Die Kantine Köln war an diesem Abend kein einfacher Konzertsaal, sie war ein Ort, an dem Wut, Hoffnung und Zusammenhalt laut wieder gelebt werden durften.
Text und Credits: Ralph Hauwetter
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