Wolfgang Niedecken und das Bundesjazzorchester

Wenn sich Mike Herting und Wolfgang Niedecken musikalisch zusammentun entsteht immer etwas Besonderes. Gemeinsam produzierten sie 2004 gemeinsam mit der WDR Big Band das Album Köln und spielten einige Jahre später in der gleichen Besetzung unter anderem im Schatten des Kölner Doms Deutschlandlieder aus dem breiten Portfolio von BAP und Wolfgang Niedecken.

Für 2017 trat Herting mit der Idee an Niedecken heran gemeinsam mit dem Jugendjazzorchester der Bundesrepublik Deutschland – kurz Bundesjazzorchester oder noch kürzer BuJazzO – ein Konzert in der Kölner Philharmonie zu spielen. Wolfgang Niedecken ließ sich auf die Idee seines Freundes ein und so konnte man am 30. Juni ein besonderes und in der Form einmaliges Konzert im Herzen Kölns erleben. Obwohl man weitestgehend auf Promotion und Marketing für die Veranstaltung verzichtete waren die Reihen in der Philharmonie sehr gut gefüllt und keiner der Besucher dürfte sein Kommen an diesem Abend bereut haben.

Wolfgang Niedecken lieferte für den Abend, der unter dem Titel Von Köln bis Absurdistan stand die Songs, Mike Herting kümmerte sich um die Arrangements und konnte dabei auch auf die gemeinsamen Projekte der Vergangenheit zurückgreifen, was den Songs, die sie schon auf dem gemeinsamen Album aufgenommen hatten – wie der Opener Für Ne Moment oder Nix Wie Bessher – trotz aller Neuartigkeit einen Wiedererkennungswerte gab. Herting machte sich aber auch die Mühe einige Songs des jüngsten BAP-Albums Lebenslänglich extra für den Abend mit den BuJazzO neu zu arrangieren. So konnte die Zuhörer auch Songs wie Dausende Vun Liebesleeder oder Absurdistan in neuem musikalischem Gewand erleben.

Niedecken stellte die Songs, Herting die Arrangements, aber der Star an diesem Abend war – wie auch Niedecken festhielt – die Mannschaft in Form des 19-köpfigen Bundesjazzorchesters.

Die Qualitäten und das Talent der einzelnen jungen Musiker, die sie immer wieder in verschiedenen Soli und auch in gemeinsam gespielten Intros und Songbegleitungen zeigten, lassen viele Songs des Abends auch bei Fans, die – wie ich – über die Jahre ein zweistellige Zahl an BAP- und/oder Niedecken-Konzerten besucht haben, in besonderer Erinnerung bleiben.

Als Beispiele kann man hier das von Béla Meinberg am Flügel gespielte Intro zu Kristallnaach nennen, das Wolfgang Niedecken daran zweifeln ließ, ob tatsächlich Amerika sein Lieblingssong aus der BAP-Zeit mit Klaus „Major“ Heuser ist oder doch diese Version des leider noch immer aktuellen Klassikers vom Von Drinne Noh Drusse-Album. Aber auch besagtes Amerika lieferte durch einen jungen Saxophonisten und dessen Intro-Improvisation ein besonderes Konzerterlebnis. Mit Mike Hertings „Auftrag“ zu spielen, was ihm zu Amerika gerade durch den Kopf geht, ausgestattet, legte Adam Gräbner eine zerissene, unstetige aber mitreißende Improvisation hin, die unter anderem auch The Star-Spangled Banner einband.

Die US-Hymne war nicht die einzige, die den Weg in das Programm des Abends fand. Auch die Europahymne Ode An Die Freude wurde Teil des Arrangements der Vision Von Europa. Durch diese Idee Hertings erhielt die beklemmende und bleierne Geschichte zweier Flüchtlinge mit dem Traum von Europa, die ohne Happy End bleibt, eine weitere Dimension und noch mehr Tiefe und Tragik.

Über den gesamten Abend war Mike Herting die prägende Figur des Konzertabends. Er war nicht nur der musikalische Leiter eines Konzerts, sondern gleichzeitig auch Organisator und Mentor der BuJazzO-Musiker, denen er – genau wie Wolfgang Niedecken – immer wieder mit hochgestreckten Daumen seine Anerkennung signalisierte und ihnen auch in kurzen Gesprächen häufig scheinbar noch Tipps oder Ideen mit auf den Weg gab. Gleichzeitig war er aber auch der Fan mit dem besten Platz in der Philharmonie, der in den Songs fast tanzend mitging und die Musik „seines“ Orchesters intensiv mitlebte.

A propos gute Plätze: Bei Betreten des Konzertsaals begrüßte Wolfgang Niedecken die vielen ihm bekannten Personen in den ersten Reihen persönlich und stellte dann fest: „Ich kenne alle hier, außer die, die auf der Bühne sind.“. Erst am Vortag trafen sich das junge Orchester – das Niedecken als U21 oder Perspektivteam des deutschen Jazz bezeichnete – und der Kölner Liedermacher zu ersten gemeinsamen Proben für das – inklusive Pause – dreistündige Konzert. Diese Tatsache hätte sicher als Entschuldigung für das einen oder andere dienen können, das nicht wie gewünscht funktioniert. Aber: Es gab nichts zu entschuldigen und so sind die anderthalb Probetage der beste Beweis dafür, welche großartigen Musiker an diesem besonderen Abend in der Kölner Philharmonie auf der Bühne standen.

Auch das Publikum wusste die besondere Leistung der Musiker zu schätzen und verabschiedete Niedecken, Herting und das BuJazzO bereits vereinzelt mit stehenden Ovationen in die Pause. Später ließ Wolfgang Niedecken es sich vor dem letzten Konzertsong nicht nehmen ließ noch einmal alle jungen Musiker unter permanentem Beifall des Kölner Publikums namentlich vorzustellen, ehe alle Musiker kurz nach 23 Uhr unter stehenden Ovationen in den verdienten Feierabend entlassen wurden.

Das Bundesjazzorchester 2017 sind:
Saxophone: Daniel Buch, Julius Gawlik, Adam Gräbner, Frederik Mademann, Daniel Roncari
Trompeten: Berthold Brauer, Marvin Frey, János Löber, Matthis Rasche, Cay Schmitz
Posaunen: David Bernds, Marco Leibach, Lukas Reinert, Philipp Schittek
Klavier: Béla Meinberg
Gitarre: Lukas Wilmsmeyer
Bass: Roger Kintopf
Schlagzeug: Rodrigo Villalón
Pekussion: Augusto Stahlke

Homepage: Bundesjazzorchester

Text: René Kirschbaum

Bilder: Bundesjazzorchester

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