Melancholie zum Glücklichsein

Der „Musik ist scheiße“-Aufkleber von seiner Gitarre ist – wie er vor der Tour der taz verraten hat – als Zeichen des Neuanfangs verschwunden und auch musikalisch hat Gisbert zu Knyphausen 2017 (endlich) neues eigenes Material präsentiert.

Auch wenn er in der Zeit seit seinen letzten Veröffentlichungen musikalisch nicht gänzlich untätig war, hat zu Knyphausen sich nach dem plötzlichen Tod von Nils Koppruch 2012 eine lange Auszeit genommen und wurde – wie er auf seinem Tourabschlusskonzert im Kölner Gloria Theater erzählt – durch musikalisches Wirken im Iran wieder aus dieser Phase befreit. Der Song Teheran smiles auf den neuen Album Das Licht dieser Welt erzählt genau diese Geschichte: It’s been a perfect rotten time / My mind was coloured in a million shades of blue / But Teheran, you make me smile again / And now it’s easy to believe the grieving / could end right inside of you.

Und diese Zeilen des Umbruchs zeigen auch eine zweite Neuerung bei Gisbert: Er singt jetzt (auch) Englisch. Zumindest in zwei Songs auf dem neuesten Werk und beide fanden wie sehr viele andere neue Songs den Weg auf die Bühne des Theaters in der Apostelnstraße.

Diese Bühne gehörte aber zunächst noch dem Berliner Trio Yippie Yeah, die den Abend mit einem 35-minütigen Set eröffneten. Menschen, die nach einer Tatortstaffel die Anzahl der Toten statistisch festhalten, hätten wohl an den mal chansonhaften, mal leicht psychedelischen Singer-Songwriter-Liedern der Berliner ihre helle Freude gehabt. Selten wurde in den Songs eines Vorprogramms mehr gestorben – aber ebenso selten wurde es charmanter verpackt. Einen besonderen musikalischen Spannungspunkt setzte die Band mit einem Cover von Jefferson Airplanes White Rabbit.

Die morbide Leichtigkeit der Berliner bereitete die Bühne perfekt für Gisbert zu Knyphausen, der sich mit seinen Songs, die er für das neue Album mit Band eingespielt hat, einen Raum irgendwo zwischen Verträumheit, Melancholie und Aufbruch sucht. Fünf der Musiker, die mit ihm im Studio waren, begleiteten zu Knyphausen auch auf die Tour, die eigentlich bereits einige Tage früher hätte Enden sollen. Dieser Abend in Köln war der Nachholtermin für ein krankheitsbedingt ausgefallenes Konzert am 01.11.2017 – ironischerweise mitten in der Grippewelle. Aber dennoch war das Gloria bis auf den letzten Platz gefüllt.

Die Band an seiner Seite beziehungsweise in seinem Rücken eröffnete zu Knyphausen neuen Möglichkeiten sein Repertoire zu präsentieren. So reichten die Songs von dem fast klischeehaften nur auf der Akustikgitarre gespielten Singer-Songwriter-Stück bis hin zu Nummern bei denen man sich auf einem Bluesrock-Konzert wähnen konnte. Aber trotz aller Veränderung liegt über fast allen Songs immer eine melancholische fast depressive Schwermut und auch der von zu Knyphausen betrauerte Nils Koppruch ist durch Lieder der gemeinsamen Band Kid Kopphausen und den von ihm geschriebenen Song Etwas Besseres als den Tod finden wir überall, den Gisbert für das neue Album eingespielt hat, präsent.

Neben den Songs von Kid Kopphausen und den neuen Liedern fanden natürlich auch „Klassiker“ aus zu Knyphausens Debütalbum, das in diesem Frühjahr immerhin bereits zehn Jahre alt wird, und von Hurra Hurra So Nicht den Weg in das umfangreiche Set des Abends, dem eine grandios aufspielende Band – in der vielleicht Posaunist Michael Flury der heimliche Star im Hintergrund war – und ein stilvolles Bühnenbild mit beleuchteten, golden schimmernden Becken den passenden Rahmen verliehen.

Es ging bereits auf 23 Uhr an, als Gisbert zu Knyphausen und seine Band das begeisterte Publikum wieder in die kalte Kölner Nacht entließen. Jedem dieser Fans zeigte der musikalische Freiherr aus dem Rheingau, dass man auch einen Abend mit viel Schwermut und Melancholie mit einem breiten Lächeln verlassen kann. Und manchem blieben die Zeilen „Etwas besseres als den Tod auf jeden Fall / Und heute Abend suchen wir uns nur das Beste aus / Wir gründen eine Band und spielen bis der Morgen graut“ gleichsam als Fazit und Wunsch im Ohr. Und ein Dank hierfür geht wohl auch nach Teheran – denn Musik ist ganz sicher nicht scheiße.

Text: René Kirschbaum

 

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