WSO unter Andris Nelsons – Gustav Mahler 7 – 4. März, Philharmonie Köln

„Das Lied der Nacht“, Gustav Mahler 7. Sinfonie – WDR Sinfonieorchester, Leitung Andris Nelsons       

Kuhglocken. Auch Kuhglocken können Instrumente in einem Sinfoniekonzert sein. (Nicht nur) In seiner 7. Sinfonie verwendet Gustav Mahler diese alpinen Signalgeber. Man darf vermuten, dass ihm während seiner Arbeit an der Sinfonie in einer Hütte, diese Töne zum Zeichen seines Rückzugs aus der gewohnten Umgebung, seiner künstlerischen Welt, geworden sind.

Von diesem Bild ausgehend, wollte ich durch Mahlers 7. Sinfonie, den am Anfang stehenden Trauermarsch, die „Lieder der Nacht“ in den mittleren Sätzen und den großen letzten Satz führen, doch Andris Nelsons  hat zusammen mit dem WDR Sinfonieorchester aus der siebten ein ganz neues Stück gemacht.

Der Trauermarsch – auch so ein „typisches Mahler Element“ – des ersten Satzes wurde zum selbstbewussten Gang durch die Stadt. Die ersten Töne der Trompeten lassen uns wissen:  nicht Trauer, sondern Jugend und Kraft leiten diesen Marsch. Bei all den Bläsern wird es trotzdem nicht aggressiv oder lärmend. Andris Nelsons leitet mit vollem Körpereinsatz, duckt sich hinter sein Pult und springt jäh hervor um einen Einsatz zu geben. Dann wieder tänzelt oder marschiert er vorneweg und das Orchester folgt ihm mit Freude. Nach Ende des ersten Satzes lehnt sich der Dirigent erleichtert zurück und lässt Orchester und Publikum eine willkommene kleine Pause.
Den zweiten Satz beginnt er ganz entspannt, gibt nur leicht den Takt vor und verlässt sich ganz auf die Hörner und die weiteren Bläser, erst nach dem Crescendo nimmt er das Orchester wieder in die Hand.

Das „schattenhafte“ des dritten Satz ersetzt Nelsons mit etwas das man vielleicht als „trotzige Ironie“ bezeichnen möchte. Dieser Satz besteht zum großen Teil aus einem Walzer. In den meisten Fällen wird er als Schatten eines vergangenen Abends gespielt. Das WSO aber bringt uns mittenrein in den lebendigen Tanzsaal. Es schwingt und rauscht im 3/4 Takt und alles mit dem ironischen Unterton „das hier ist doch nicht echt, es ist doch nur ein Schatten“. Ein sehr lebendiger Schatten.

Bei aller Lebendigkeit des bisher gehörten musste man sich fragen, wie denn in dieser Form der vierte Satz, das zarte ruhige Lied der Nacht, gestaltet werden würde. Aber keine Sorge, auch hier fanden das WSO und Nelson eine Lösung. Zart, ruhig, mit Gitarre und Mandoline, aber ohne Kitsch, Pathos oder gar morbide Stimmungsmache wurde uns das Bild einer verträumten Nacht gemalt.

Die Pauken schlugen den letzte Satz ein und mit dem folgenden Trompeten Schmettern war klar, dass hier weiter gemacht wird, wo der erste Satz aufgehört hat. Das Orchester verbreitete Feuer und Leidenschaft, Nelsons trieb die Musiker nach immerhin 65-70 Minuten an nur nicht nach zu lassen, die Spielfreude bis zur letzten Note zu tragen.
Die Kuhglocken schepperten dann im Finale auch noch, waren aber nun ein Teil der Freude des Lebens, die „Weltentrückung“ hatte nicht stattgefunden.

Bravo Rufe und anhaltender kräftiger Applaus vom sicht- und hörbar begeisterten Publikum überschwemmten die zufriedenen Musiker. Andris Nelsons war offenbar erleichtert über diese Reaktion.
Mahler Puristen würden auf diesen Abend vielleicht nicht so euphorisch reagieren, ist doch in dieser Aufführung der siebten der morbide Charme, die Weltentrückung und der Schmerz den seine Fans erwarten weggefegt worden.

Mit Andris Nelsons am Pult muss man allerdings damit rechnen, dass man nicht das gewohnte Hörerlebnis haben wird.

Kleiner Wermutstropfen des Abends ist leider, dass nach Verfügung Andris Nelsons der WDR dieses Konzert nicht im Radio übertragen konnte und es deshalb auch nicht im WDR Konzertplayer nachzuhören ist.  Hoffentlich kann das bald nachgeholt werden.

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