Lilou puzzelt an ihrer Karriere

Wie der Zufall manchmal spielt: Auf der Heimfahrt von der wöchentlichen Sporteinheit war der Tablet-Akku leider bei nahe null angekommen, daher musste das gute alte Radio herhalten und ich landete in der Sendung WDR2 Made in Germany. Dort hörte ich dann einen Song, der mir im Ohr blieb. Zu Hause angekommen wurde dann Google bemüht und ich stieß auf die junge Künstlerin Lilou, die im letzten Jahr ihre zweite EP Aber Manchmal Doch mit tollen deutschsprachigen Indie-Pop-Songs veröffentlichte.

In einem Interview gab uns Lilou jetzt einen Einblick in ihre bisherige Karriere, die für sie bereits in der Schulzeit begann.

Ich bin auf deine Musik durch die Radiosendung „WDR 2 Made in Germany“ aufmerksam geworden, in der dein Song In Berlin in der Kategorie „Made In NRW“, die jungen, bislang unbekannten Musiker und Bands einen Slot in einer Radiosendung gewährt, vorgestellt wurde.

Bitte stell dich doch zunächst einmal selbst kurz unseren Lesern vor.

Hallo an alle Leser. Ich bin Lilou. Ohne zu viel vorwegzunehmen, würde ich mich jetzt allgemein als Künstlerin im Bereich der Popmusik vorstellen.

Wenn man auf deinen Lebenslauf schaut, stellt man fest, dass du gar keine komplette Newcomerin bist sondern schon seit einiger Zeit Musik machst: Bereits 2010 wurdest du als Preisträgerin des „Treffen junge Musikszene“ der Berliner Festspiele ausgezeichnet. Wie bist du dazu gekommen Musik zu machen und selber Songs zu schreiben?

Ich habe immer schon gerne gesungen und auch viele verschiedene Instrumente ausprobiert. Viele meiner Lehrer konnten mich aber nicht wirklich für’s Üben begeistern, deshalb habe ich zum Beispiel den Klavierunterricht nach ein paar Jahren hingeschmissen. Durch mein Interesse für Sprachen habe ich mit 10 oder 11 angefangen Songtexte zu schreiben und mir Melodien dazu ausgedacht. Die ersten Songs, die auch aufgeführt wurden, habe ich aber erst mit 15 geschrieben.

Wie läuft bei dir das Songwriting ab? Hast du zuerst die Idee für einen Text oder beginnst du in der Regel mit der Melodie und „suchst“ dann den Text dazu?

Songwriting ist für mich ein bisschen wie puzzeln. Alles fängt mit irgendeinem Schnipsel an. Häufig ist das eine einzelne Textzeile oder ein Wort, das ich mir mal irgendwo unterwegs notiert habe. Manchmal aber auch eine Melodie oder ein Akkord, der mir gefällt. Für den Text kritzel ich alle möglichen Ideen auf Papier und durchforste meine Notizen nach weiteren Puzzleteilen, die zusammenpassen könnten. Der Anfang passiert intuitiv – und dann versuche ich diese ersten Gedanken zu verstehen, um den restlichen Text stimmig in den gesetzten Rahmen einzupassen.

2011 hast du erstmals eine EP aufgenommen, die per Crowdfunding finanziert wurde. Was war es für ein Gefühl als junge Künstlerin erstmals in einem Studio zu stehen?

Audioengineer Daniel Deboy ist 2010 über einen Zeitungsartikel auf mich aufmerksam geworden und hat mich daraufhin in sein Studio eingeladen. Da ich bis dahin nur einfache Demos hatte, war das eine sehr coole Sache. Ohne seine Unterstützung und das Crowdfunding hätte es zu der Zeit noch keine Platte gegeben.

Wo liegen für dich die größten Unterschiede zwischen der Arbeit im Studio und Liveauftritten vor Publikum?

Im Studio hat man u.a. durch Sample Libraries ja heutzutage alle möglichen Instrumente zur Verfügung und unglaublich viele Möglichkeiten in der Produktion. Wenn es mit den Songs dann auf die Bühne gehen soll, muss man Wege finden, den Sound auch live nachzubauen – mit den Mitteln bzw. Instrumenten, die man dort zur Verfügung hat. Das kann je nach Arrangement oder Größe der Besetzung schon mal tricky werden.

Die Arbeit an diesen beiden Orten ist aber auch grundsätzlich sehr unterschiedlich. Während der Zeit im Studio bin ich eher in mich gekehrt und arbeite alleine oder in einem engen Team. Viele Gedanken in meinem Kopf rattern auch nach Feierabend noch unterbewusst weiter und spülen immer wieder neue Ideen an. Auf der Bühne ist das genau gegensätzlich. Da geht es ums Loslassen und sich auf die Energie mit der Band und dem Publikum einlassen. Die Reaktionszeit ist da auch viel kürzer – die Menschen vor der Bühne geben ja unmittelbare Rückmeldungen.

Neben den ersten Schritten in Studios und auf den Bühnen legst Du auch großen Wert auf eine „musikalische Weiterbildung“. Du hast 2012 ein Stipendium für die „PopMasterclass“ der Popförderung Mannheim (als Abteilung des Kulturamtes) erhalten und studierst aktuell Komposition in Essen. Was nimmt man als talentierte Singer-/Songwriterin mit, wenn man Popmusik in Form einer Hochschulausbildung betrachtet?

Popmusik als Hochschulausbildung ist natürlich vielfach umstritten. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich gerne die Erfahrung machen wollte zu studieren und gleichzeitig meine Energie nicht in einem völlig anderen Fach verheizen wollte. In meinem Studiengang „Integrative Komposition“ ist es so, dass ich nicht nur meinen Schwerpunkt Pop habe, sondern es auch zu großen Teilen um zeitgenössische Musik geht, mit einem sehr künstlerischen Ansatz. Der Gedanke, ob und wie etwas vermarktbar ist, wird erst mal hinten angestellt – sofern das Konzept an sich stimmig ist. Insofern profitiere ich an meiner Uni u.a. von den verschiedenen Herangehensweisen und Techniken der anderen Kompositionsrichtungen (Elektronik, Instrumental, Visualisierung), mit denen ich in der freien Popszene wahrscheinlich keine Berührungspunkte hätte.

Als Studentin hat man ja sicherlich auch so etwas wie einen Lieblingsprof. Bei welchem oder welchen der Dozenten, denen du bislang begegnet bist, hast du bislang die wichtigsten Erkenntnisse für deine Karriere erhalten?

Einen Lieblingsprof habe ich eigentlich nicht. Da mein Studiengang und somit auch die Seminare sehr klein sind, ist die Atmosphäre persönlich und anders als in riesigen Vorlesungen kennt hier jeder jeden. Über das Studium hinaus habe ich auch viele andere Vorträge und Workshops besucht aber die wichtigsten Erkenntnisse kamen durch das Selbstmachen. Auch was den Businessbereich angeht.

Im September letzten Jahres hast du deine zweite EP Aber manchmal doch veröffentlicht. Wenn ich die in den Songs erwähnten Orte als Orientierung nehme, gehe ich davon aus, dass die Songs sehr von deiner Zeit in Mannheim geprägt sind. Liege ich da richtig? Was kannst du uns zu den Songs erzählen?

Die Songs habe ich in den beiden Jahren nach dem Abi geschrieben, da war ich viel in Mannheim unterwegs. Aber auch öfters in Stuttgart, wo meine damalige Band gewohnt hat. Das war auf jeden Fall eine prägende Zeit für mich, nicht mehr zur Schule zu müssen und die volle Aufmerksamkeit der Musik und dem „richtigen Leben“ widmen zu können. Konzerte, zwischenmenschliche Begegnungen und das Lebensgefühl in dieser Phase haben mich zu Songs inspiriert, die ich gerne abgeschlossen, in dem Format einer EP, aufnehmen wollte.

In der Presseinfo zu der EP schreibst du die Songs klingen wie BOY und bzw. oder Max Prosa, also eingeordnet irgendwo zwischen Indie Pop und den modernen Deutschpoeten. Dienen die beiden bzw. ja eigentlich drei Künstler für dich auch als Vorbild? Wer sonst sind für dich musikalische Idole?

Ehrlich gesagt höre ich die genannten Künstler nicht so oft. Aber da wir ja von Natur aus alle Schubladendenker sind, habe ich versucht Soundreferenzen zu finden, mit denen ich meine Musik grob abstecken könnte. Das kam aber erst nach der Produktion. Meine Platte ist nicht so tanzbar wie BOY, aber der Indie Pop Sound geht in eine ähnliche Richtung. Hat ein paar Ecken und Gitarren mehr, die hole ich mir dann von Max. Genau wie die deutsche Sprache. Aber die klingt in meinen Texten vielleicht eher nach Clueso, als nach Prosa.

Das Wort Idol kommt mir in dem Kontext zu stark vor, da schwingt neben der Musik noch so viel anderes mit. Ich höre viel Indie- und Dreampop, bin aber auch schon so streamingverdorben, dass ich mir selten ganze Alben merke, eher einzelne Titel. Das aktuelle Bon Iver Album („22, A Million“) ist da eine der wenigen Ausnahmen, die sich tierisch bei mir eingebrannt haben. Ansonsten ist Coldplay eine Band, die mich schon seit Ewigkeiten begleitet. Die neueren Alben sind ja etwas umstritten aber ich mag Chris Martins Stimme einfach so, dass er wahrscheinlich alles singen dürfte.

Wenn man sich unter den Deutschpoeten – den Begriff greifst du ja in dem Song Letzte Fahrt selbst auch auf – umschaut, dann fällt auf, dass der Anteil weiblicher Künstlerinnen relativ gering ist. Hast du eine Idee woran das liegt? Betrachtest du diese „Marktlücke“ für dich eher als Problem oder als Chance für dich?

Das ist eine heißdiskutierte Frage. Ich persönlich sehe es als Herausforderung. Die Schwierigkeit ist mir dabei aber durchaus bewusst, weshalb ich es nicht als Chance bezeichnen würde. Es ist schon eine von Männern dominierte Branche, nicht nur unter den Deutschpoeten.

Was die Vermarktungsfähigkeit solcher Musik angeht, habe ich die Theorie, dass Männer da eine größere Zielgruppe haben. Ich kenne viele Frauen, die lieber singenden Männern zuhören, als einer anderen Frau. Gleichzeitig identifizieren sich die Männer, die ich kenne, aber auch eher selten mit singenden Deutschpoetinnen. Außer vielleicht wenn sie die Sängerin heiß finden.

Ich bin aber überzeugt davon, dass die Musiknachfrage groß und vielfältig genug ist, um den verschiedensten Künstlern und Stilrichtungen einen Platz zu geben. Man muss sein Publikum nur finden.

Steht für dich fest, dass Deutsch die Sprache ist, in der du dich dauerhaft musikalisch ausdrücken möchtest oder kannst du dir auch vorstellen Texte auf Englisch zu schreiben und zu singen?

Lilou Konzerte werden auf jeden Fall auf Deutsch bleiben. Ich habe aber auch schon mal auf Englisch geschrieben und kann mir auch vorstellen, das wieder zu tun. Bzw. ich wirke in einem noch geheimen Projekt mit, in dem ich auf Englisch singe. Der deutschen Sprache den Rücken kehren würde ich höchstens, wenn sich eine andere Sprache für mich natürlicher als die Muttersprache selbst anfühlen würde.

Wenn man deine Vita von 2010 bis heute betrachtet, war Talent der Startschuss für deine Karriere, aber viele Schritte scheinen intelligent geplant. Was sind die nächsten Schritte die du gehen möchtest?

Zurzeit arbeite ich an einem neuen Liveset und gucke mich nach den passenden Musikern dafür um. Das nächste Großprojekt soll dann ein Album werden. Dafür suche ich momentan noch den passenden Produzenten.

Wo möchtest du mit deiner Musik in 10 Jahren sein?

Ich möchte mich als Künstlerin in der deutschsprachigen Szene etablieren. Und ich will hungrig und in Bewegung bleiben, auf der Suche nach dem Song, dem Sound…

Im Sommer 2016 hast du im Vorprogramm von NENA schon vor einer großen Zuschauerzahl gespielt. Mit welchem Künstler würdest du gerne irgendwann mal gemeinsam auf der Bühne oder im Studio stehen?

Wenn der Vibe stimmt, könnte Vieles schön sein. Ich habe da niemand Konkretes im Kopf.

Nach dem Blick in eine weiter entfernte Zukunft zum Schluss nochmal eine etwas kurzfristigere Frage: Wo haben Menschen, die deine Musik anspricht, die nächsten Chancen dich live zu erleben?

Aktuelle Konzerte findet ihr unter www.lilou-musik.de

Es kommen demnächst noch ein paar Termine dazu. Wer automatisch informiert werden möchte, kann sich auf der Website für den (unregelmäßigen) Newsletter eintragen.

Warum werden diese Menschen dein Konzert als Fan von dir verlassen?

Ich möchte eigentlich keine Werbung mit dem Zaunpfahl machen, das ist ja auch Geschmackssache. Menschen, die diese Art von Musik mögen, erreiche ich oft durch meine Stimme und Texte und die besondere, „echte“ Atmosphäre während der Konzerte. Natürlich bekommt man live auch ein paar Geschichten und Songs zu hören, die es im Internet nicht gibt.

Zum Abschluss würde ich dich noch bitten den folgenden Satz zu ergänzen: Musik bedeutet die Welt für mich, weil…

Das kann ich so nicht beantworten. Musik kann eine faszinierende Kraft haben. Aber Musik allein reicht nicht aus, um mir die Welt zu bedeuten.

Herzlichen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Soundchecker.koeln wünscht dir alles Gute für deine startende Karriere und wir hoffen, dass wir dich vielleicht bald mal irgendwo auf der Bühne erleben dürfen.

Danke euch.

 

Termine:
02.03.2017 – Düsseldorf, Ehemaliges Bordell, Doppelkonzert mit Lennard Bertzbach
23.03.2017 – Osnabrück, Lagerhalle, Grolsch Song Night
31.03.2017 – Essen, Raumschiff.Ruhr, Konzert unter der Stehlampe
15.06.2017 – Berlin, Zimmer16, Doppelkonzert mit Lennard Bertzbach

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Interview: René Kirschbaum

Bilder: Juri Bogenheimer, carlitopix

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