Kraftklub (mit K) in der Stadt mit K

Auf der einen Bühne Kraftklub und nur wenige Meter weiter Calexico live on Stage. Was mach einer schwierigen Entscheidung in einem Festival-Line-Up klingt, war am 23. März das musikalische Angebot in der Schanzenstraße. Beide Konzerte waren (natürlich) ausverkauft. Für den routinierten Konzertbesucher war klar: “Für eine stressfreie Anfahrt mit dem PKW muss das Zeitfenster zwischen den beiden Einlassstarts getroffen werden.“ Gedacht, getan – und Überraschung: fast freie Fahrt auf den Parkplatz. Die Erklärung hierfür war die Warteschlange am Palladium, die sich schon zum Einlass entlang der Schanzenstrasse bildete.

Das ist wohl der Hype um Kraftklub, von dem alle reden. Aber zunächst mal gilt: Don’t believe the hype! Aber Erwartung und Spannung waren geweckt. Aber die Skepsis auch ein wenig: Schließlich scheint der durchschnittliche Fan der Band aus Karl-Marx-Stadt Anfang zwanzig, während man selbst inzwischen den Teil der 30er erreicht hat, der eher Richtung vierzig zeigt. Ich war gespannt, ob man für Kraftklub zu alt sein kann.

Das Warm-Up-Programm lieferte der Newcomer Faber, der mit seinen Latino-Indie-Songwriter-Pop-Songs das Publikum in der pickepackevollen Halle begeisterte. Vielleicht kommt da ja nächste der nächste Hype auf die Generation 1live zu. Gewisse musikalische Parallelen zu AnnenMayKantereit kann man durchaus erkennen. Und der Schweizer plant für Oktober ein Headlinekonzert im E-Werk. Und auch auf der anderen Straßenseite wird er mit seinen Songs aus seinem aktuellen Album Sei ein Faber im Wind das Publikum sicherlich begeistern.

Dann aber wurde der „Keine Nacht für niemand“-Vorhang hochgezogen, hinter dem die Um- und –aufbauarbeiten erfolgten und die Bühne für Kraftklub bereitet wurde. Und als wenig später dieser Vorhang wieder fiel, gab es im Palladium kein Halten mehr. Nur wenige Takte von Hallo Nacht genügten um die Fans bis in die letzten Reihen und auf die Emporen in Wallung zu bringen. Und von diesem Moment an gab es zwei Stunden lang nur noch: Springen, Tanzen, Singen, Schreien und Partystimmung. Und das riss jeden mit egal ob zwanzig oder doch schon fünfzig Jahre alt. Man konnte sich der mitreißenden Energie von Felix Brummer, Karl Schumann und Co. einfach nicht entziehen.

Klar fragte man sich zwischendurch ob die Kids die vielen Anspielungen auf Musiker, Bands und Texte wie z.B. The Cure oder Quasi-Tour- und Albumnamenspaten Ton, Steine, Scherben wirklich verstehen – schließlich war es ja doch weit vor ihrer Zeit. Auch bei den verschiedenen weiteren musikalischen Anleihen des neuen Albums bei Sven Regener (Am Ende) oder den Ärzten (Sklave) ist offen ob die Zielgruppe immer die Quelle der Zeilen und Melodien kennt, aber es spielt am Ende tatsächlich keine Rolle, da sich die Songs einfach perfekt in die Indie-Pop-Rock-Rap-Party einfügten, die Kraftklub im Palladium an diesem Abend zelebrierten.

Und Gastgeber dieser Party war eben Felix Brummer, der immer wieder das Publikum animierte und auch gerne den direkten Kontakt zu den Fans aufnahm und viele der vorne ankommenden Crowdsufer abklatschte. Fannähe vom Feinsten. Und diese wurde auch zelebriert, als sich die Band einen Fan rauspickte, der auf der Bühne das Songglücksrad drehen durfte, sich Irgendeine Nummer erspielte und unter großen Jubel danach per Sprung in die Menge die Bühne wieder verließ. Umgekehrt brachten die weiblichen Fans in den ersten Reihen „ihrer“ Band mit dem K die Ehre durch zur passenden Textzeile auf die Bühne fliegende BHs entgegen.

Neben aller Party und Leichtigkeit setzten Kraftklub – und auch die zum Icona-Pop-Cover I Love It wieder auf die Bühne gekommenen Faber – auch Zeichen gegen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit. Und der Song Schüsse in die Luft wurde eingerahmt von „Nazis raus!“-Sprechchören des Publikums. Schön und wichtig, dass hier über alle Altersgrenzen zumindest im Kraftklub-Publikum Einigkeit besteht.

Zu Beginn der Zugabe hatte Kraftklub eine besondere Überraschung für das Publikum in den hinteren Reihen. Zu Ich will nicht nach Berlin rollten die Chemnitzer auf einer mobilen Mini-Bühne von ganz hinten bis in die Mitte des Palladiums. Nach dem Song machten sie sich dann per Crowdsurfwettrennen auf den Weg zurück zur Bühne um von dort die Randale auszurufen, zu der sich das Publikum zunächst auf den Boden setzte, um dann mit umherfliegenden Gegenständen völlig auszurasten.

Ein sehr unterhaltsamer Abend – für den ich definitiv nicht zu alt bin und man wohl auch gar nicht zu alt sein kann – fand mit Songs für Liam einen letzten Höhepunkt und nach zwei Stunden sein Ende. Fazit: Kraftklub – live the hype!

Text: René Kirschbaum

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