Im Gespräch mit Markus Berges und Ekki Maas

Teil 1: Barack Obama & die Hoffnungsmaschine

Vor dem Erdmöbel-Heimkonzert im Kölner Gloria Theater nahmen sich Sänger Markus Berges und Bassist und Produzent Ekki Maas nach dem Soundcheck Zeit um uns einige Fragen zu beantworten.

Im ersten Teil des Interviews lest ihr unter anderem warum Barack Obama den Weg auf das Albumcover von Hinweise zum Gebrauch fand, was die beiden Musiker über die Situation rund um den Ebertplatz denken und wie sie zu den Geschehnissen rund um den Echo stehen.

soundchecker: Ihr seid aktuell auf Tour mit dem neuen Album Hinweise zum Gebrauch, eurem ersten Studioalbum nach fünf Jahren. Gibt es für euch Unterschiede auf der regulären Tour zu sein oder die Weihnachtskonzerte zu spielen.

Ekki Maas: Das ist ein Riesenunterschied, weil wir unsere eigentliche Berufung jetzt ausleben können. Bei den Weihnachtskonzerten ist es ja schon so ein bisschen Remmidemmi. Es ist leichter greifbar, weil es immer zu dem Anlass passen muss, nämlich: „Weihnachten“ – und ich glaube die Leute finden es schön, dass es einfach ist. Bei dieser Tournee ist es halt so, dass wir doch vergleichsweise recht ernste Musik machen.

Markus Berges: Die Weihnachtsshows haben fast schon etwas karnevalistisches – also im positivsten Sinne – auch wenn wir nie so weit gehen würden uns dort zu verkleiden, wie wir es auf dem Foto zum dem Weihnachtsalbum gemacht haben. Es verfolgt einen spielerischen Ansatz und das ist der Spaß daran. Es ist ziemlich interaktiv was die Leute angeht, die Leute machen viel mit und es wird getanzt. Bei einer normalen Show ist das für uns natürlich eine viel ernstere Angelegenheit. Ein gewisser Humor spielt immer eine Rolle, aber…

Ekki Maas: …die schönsten Stücke sind die traurigen Stücke. Das ist der Unterschied: Die traurigen Stücke sind im normalen Programm wirklich die Höhepunkte.

soundchecker: Und die traurigen Stücke bleiben bei der Weihnachtsshow mehr oder minder aus?

Ekki Maas: Wir haben das eine oder andere für den Kontrast drin, aber die Melancholie ist nicht so vorherrschend. Remmidemmi ist das schon das richtige Wort.

Markus Berges: Mal abgesehen davon, spielen wir jetzt auch sehr viele neue Stücke, während das Weihnachtsprogramm ja lange gewachsen ist. Und sich mit einem neuen Album auf die Bühne zu stellen und vorwiegend neue Songs zu spielen, das ist für uns einfach total geil.

soundchecker: Ist es im Umkehrschluss für euch auch schwieriger ein Album zu machen wie das aktuell im Vergleich zu dem Weihnachtsalbum Geschenk?

Ekki Maas: Das Geschenk ist ja aus lauter Stücken entstanden, die nur ein Mal im Jahr entstehen mussten. Wenn man ein richtiges Album macht muss man eben mindestens zehn Stücke haben, die zusammengehören und diese eigentlich auch am Stück schreiben. Und das haben wir gemacht. Und – wie gesagt – das ist unser eigentlicher Beruf und das ist das, was wir auch toll finden. Das macht ja Spaß. Wir selber empfinden das als so unterschiedlich, dass wir nicht verstehen können, das jemand sagt „Ich war bei der Weihnachtsshow – ich geh nicht zu dem anderen“. Das machen zum Glück auch nicht so viele.

soundchecker: Vom aktuellen Albumcover schaut einen Barack Obama an. Wie kam es zu der Idee? Er spielt ja auf dem Album letztlich nur eine Nebenrolle.

Ekki Maas: Ja, er spielt eine wirkliche Nebenrolle, aber ich finde das Bild steht schon für die vergangene Zeit. Für den Aufbruch, der mit Obama begann und dann letztendlich mit Trump scheiterte.

Markus Berges: Ich weiß gar nicht so genau, ob er wirklich eine Nebenrolle spielt. Ich denke wenn wir das Gefühl gehabt hätten, er habe eine Nebenrolle, hätten wir das Bild nicht auf’s Cover gesetzt. Live holen wir ihn bzw. das Cover sogar mit auf die Bühne. Das würden wir nicht machen, wenn wir das Gefühl hätten er spielt eine Nebenrolle. Er spielt für uns keine Nebenrolle, da es eine Figur ist, auf die man aus verschiedene Perspektiven kann und es gibt auch verschiedene Songs, die darauf schauen. Insbesondere auch insofern, dass wir das Album auch als politisches Album verstehen. Vor diesem Hintergrund hat sich das dann aus dem Diskussionsprozess – auch aus dem Streitprozess – über Obama ergeben, dass wir am Ende alle fanden: Das ist durchaus von zentraler Bedeutung und wir heben diese Person, die in einem Song eine Nebenrolle spielt, auf das Cover und steuern damit auch die Perspektive auf das Album – auch für uns selber. Also insofern: Nebenrolle trifft es gleichzeitig und stimmt auch überhaupt nicht.

soundchecker: Das heißt also zum einen ist Obama in dem Song der „Geschichtenerfüller“, der da sein muss damit es ein rundes Bild wird, aber trotzdem auch ein klares Statement mit der Auswahl der Person Barack Obama?

Ekki Maas: Nein, das wird sehr oft missverstanden. Es ist ja keine Heldenverehrung, sondern es ist ja so, dass wir ihn auch durchaus kritisch sehen. Er ist schließlich ein amerikanischer Präsident, der sehr viele Dinge so gemacht hat, wie ein amerikanischer Präsident das machen muss – zum Beispiel hat er auch Krieg geführt. Und er hat auch sehr viele Dinge politisch nicht hingekriegt. Aber er steht halt für diesen Aufbruch, der damit endete, dass Trump gewann. Und es ist ja bis heute so, dass die ganzen Dinge wo man dachte: „Ah, Amerika kommt zur Vernunft“ durch Trump alle zurückgenommen wurden und es ist schlimmer als es jemals war.

soundchecker: Und das übersteigert in das andere Extrem.

Ekki Maas: Ja. Und da fragt man sich ob Obama nicht sogar tatsächlich ein Grund dafür war, dass es so passiert ist. Das ist im Grunde genommen ein sehr schwieriges Thema und wir haben uns in der Band sehr viel gestritten, als wir überlegten, ob wir das Cover so haben wollen oder nicht. Einige sagten, man könne es auf keinen Fall machen, da es missverstanden wird. Wir haben in der Band so viel diskutiert und so viel über Politik geredet, dass wir dachten: „Es ist doch super. Wenn das Cover dafür sorgt, dass die Leute auch darüber reden, dann ist es ein gutes Cover“

soundchecker: Eine ganz organisatorische Frage dazu: Muss man irgendwo um Erlaubnis fragen, um das Bild eines Ex-US-Präsidenten für kommerzielle Zwecke nutzen zu dürfen?

Ekki Maas: Das Bild ist Commons. Das heißt es ist ein Bild von der Regierung, das jeder jederzeit und ohne zu bezahlen in einem Artikel abdrucken darf – es muss nur der Fotograf genannt werden. Der heißt Pete Souza. Er hat aktuell eine Ausstellung in Berlin, in der ich gestern auch war. Er ist der Leibfotograf von Obama gewesen. Er hat sowohl die Regierungsfotos gemacht, das erste und zweite Inaugurationsfoto, als auch das ganze Leben von ihm begleitet haben. Er soll sechs Millionen Fotos in den acht Jahren von ihm gemacht haben.

In der Ausstellung sieht man eben auch – und im Grunde ist das ja Propaganda –  dass der Präsident die ganze Zeit immer so cool aussieht. Das ist der Wahnsinn. Und dieser Fotograf hat vor Kurzem erfahren, dass wir sein Bild genutzt haben – wir hatten das einfach gemacht – und er hat gesagt: „Toll, endlich wird Obama zu einer Popikone.“ Und er hat im Grunde Recht. Das ist genau das, was passiert es ist dann nicht mehr die Person Obama, sondern es geht um die Ikone Obama. So wie das wohl auch mit Che Guevara seinerzeit auch war. Bis heute ist das ein schönes T-Shirt-Motiv und keiner von den Leuten, die das heute tragen weiß noch so genau was er wirklich gemacht hat.

Markus Berges: Das ist etwas, das interessanterweise auch nur mit Figuren von gestern so geht. Als wir das Cover diskutiert haben, da hieß auch mal: „Ey Leute, das ist doch ein Typ von gestern. Was soll daran heiß sein, den auf’s Cover zu nehmen?“ Das war aber in unserem Kontext gerade das interessante an dieser Idee, dass wir jemanden von gestern und zwar….

Ekki Maas: …einen Gescheiterten…

Markus Berges:  …ja, einen der gescheitert ist, der aber vor Kurzem noch extrem häufig präsent war, ausgewählt haben. Und so ruckzuck bist du wenigstens als Bild dann jemand von gestern. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sich – so wie die Welt läuft – so ergeben wird, dass man Barack Obama vielleicht in 20 Jahren auf dem T-Shirt rumträgt – ähnlich wie Che Guevara. Das spricht allerdings nicht unbedingt für ihn.

Ekki Maas: Nein, das heißt gar nichts.

Markus Berges: Es ist auf jeden Fall ein Fragezeichen daran, ob er interessant ist.

Ekki Maas: Ehrlich gesagt auch die Sehnsucht, die entsteht wenn man daran denkt, dass ein Schwarzer tatsächlich mal amerikanischer Präsident war spielt eine Rolle. Das, wovon man sich so lange gewünscht hatte, dass es möglich ist. Es war tatsächlich für acht Jahre möglich. Das ist eine Sache, die sehr gefühlsbeladen ist. Das Cover hat in ganz vielerlei Hinsicht eine Wirkung, die uns gefällt.

soundchecker: Ihr sprecht selbst davon, dass euer Album politisch ist – politischer auch als alle Erdmöbel-Alben vorher. Auch das Video zu Hoffnungsmaschine passt da hinein. Das habt ihr am Kölner Ebertplatz gedreht, der damals sehr in der Diskussion war.

Ekki Maas: Das wird auch bald wieder so sein, denn es geht schon wieder ab da.

soundchecker: In letzter Zeit ist medial etwas ruhiger geworden um den Platz und teilweise sind auch andere Plätze Kölns in die Medien gekommen. Hat sich nach eurer Ansicht rund um den Ebertplatz etwas getan?

Ekki Maas: Ja. Es ist so, dass der blinde Aktionismus den Platz einfach zu zu machen und ihn seinem Schicksal zu überlassen nicht durchgezogen werden konnte. Die Leute, die dort ihre Galerien haben und auch die Anwohner haben gesagt: „Das kommt für uns ja gar nicht in Frage, dass uns unser Platz weggenommen wird.“ So dass die Pläne der Verwaltung – es handelt sich nicht um eine politische Entscheidung, sodern um Pläne der Vewaltung – nicht durchgezogen werden konnten. Womöglich handelte es sich ja auch noch um ein Gerangel zwischen der Oberbürgermeisterin und der Verwaltung. Ich weiß es gar nicht so genau – es ist alles ganz seltsam gewesen.

Markus Berges: Und soweit ich weiß gibt es jetzt auch ein kulturpolitisches Konzept für den Ebertplatz. Das ist etwas, das uns als Idee damals gefallen hat. Wir haben bei der Aktion mitgemacht – wir haben das ja nicht angestoßen. Wir kennen halt einige der bedrohten Galeristen und vor diesem Hintergrund haben wir uns dort eingereiht.

Ekki Maas: Wir standen für das Video vor dem Brunnen, der wird beispielsweise auch bald wieder Wasser bekommen soll. Es sind ein paar Sachen passiert.

Was nicht geklappt ist, dass die Leute auch mal angemessener Angst vor den Drogendealern haben. Nämlich weniger – sehr viel weniger Angst, weil die tun ja nichts und irgendwo in der Stadt stehen sie auf jeden Fall. Und wenn sie auf dem Ebertplatz stehen ist das nicht schön, aber ehrlich gesagt: Dann hat man sie mal kurz weggescheucht, jetzt sind sie wieder da. Das ist alles nicht so gut, aber das ist ein Problem, da ist der Ebertplatz wirklich nicht Schuld dran.

soundchecker: Gerade das Problem der Drogendealer ist ja ein Problem, das sich nur durch die Stadt verschiebt an andere Orte.

Ekki Maas: Ja, gerade das Problem passte auch vielen Rechten gut in den Kram, denn dort gibt es eine Afrikaner-Kneipe. Wir hatten auch auf youtube sehr viel Ärger gehabt mit dem Video zu Hoffnungsmaschine. Hier wurde planmäßig – wahrscheinlich auch von halben Bots oder ähnlichem – Schmutz drunter geschrieben, den ich löschen musste, weil ich so etwas auf keinen Fall unter irgendwas stehen haben möchte, was ich gemacht habe. Und es ist ja auch richtig, dass man das löscht. Die Rechten hatten sich also darauf eingeschossen und wir hatten auch sicher einige der Klicks, die wir dort hatten, ihnen zu verdanken. Toll ist das nicht.

soundchecker: Es ist aber nicht ein Wahnwitz, dass dann genaue diese Klicks, die an eigentlich nicht haben möchte dazu führen, dass das eigene Video erfolgreicher wird.

Ekki Maas: Ja, aber es geht uns ja eh nicht um die Klicks dabei, sondern wir wollen halt auf unsere Musik aufmerksam machen und bei denen können wir ja gar nichts werden. Die finden unsere Musik sowieso scheiße und sie haben uns bestimmt als schlimme Ökos abgestempelt. Kann man drüber lachen – muss man aber nicht drüber lachen.

soundchecker: Das ist ja im Grunde eine ganz ähnlich Diskussion wie die, die aktuell um den Echo geführt werden, wo es um die unsäglichen Texte der beiden Rapper ging, die damit einen riesigen Aufschrei verursacht haben, der am Ende ihre eigene Bekanntheit fördert. Wie steht ihr zu dieser ganzen Diskussion um den Echo?

Ekki Maas: Ich kämpfe seit Jahren dafür, dass der Echo endlich eingestellt wird. Jetzt haben es die beiden Doofköppe geschafft. Das ist alles was man dazu sagen kann. Die haben das ganze so gezeigt wie es auch ist, nämlich reine Geschäftemacherei und kein kulturelles Ereignis. Es fiel dadurch auf, dass die beiden aus Versehen etwas gesagt haben, was man eigentlich nirgendwo sagen darf. Aus Versehen – ich glaube das haben die nicht einmal mit Absicht gemacht. Die beiden haben erst gedacht sie bekämen jetzt noch schön Promo, aber ich glaube für sie hat sich das auch nicht ausgezahlt, weil sie stehen jetzt als die totalen Doofköppe da. Es gibt nicht so viele dumme Jugendliche, die nicht merken, dass dieser Farid Bang wirklich keinen geraden Satz sagen kann.

Markus Berges: Die eine schlimme Sache daran ist, dass die Aufmerksamkeitsmaschine bedient wird. Das ist sicher kein neues Phänomen, aber diese Maschine läuft heute immer heißer. Aber viel schlimmer finde ich noch, mit welchen Inhalten sich die Maschinerie inzwischen anheizen lässt. Und das hat letztlich auch zu dem Eklat geführt, denn Inhalte, gegen die andere Echokünstler dann protestiert haben hat es auch vorher schon gegeben. Tocotronic beispielsweise haben – wenn ich mich recht erinnere – die angedachte Echo-Auszeichnung direkt nicht angenommen. Und das ist eigentlich die einzig richtige Haltung, die man dazu haben kann. Mittlerweile sieht das ja selbst Marius Müller-Westernhagen so.

Ekki Maas: Ich finde es insofern super gelaufen, als das so einer wie Marius Müller-Westernhagen gesagt hat: „Weißt Du was – ich fand das immer schon scheiße.“ Nicht dass ich das jetzt verteidigen möchte, dass er publikumswirksam seine Echos zurückgegeben hat. Aber man sieht an dem, was er dazu geschrieben hat, dass er ein bisschen Spaß dran hat endlich diese Scheiß-Echos weg zu tun. Diese sind ja letztlich nur da um zu dokumentieren, dass er so und so viele Sachen verkauft hat. Die haben keinen künstlerischen Wert. Und das war schon immer der Fehler des Echos. Schon so lange er im Fernsehen übertragen wird fand ich es immer grauenvoll.

(Zu Teil 2)

 

Interview: René Kirschbaum

Bild: Matthias Sandmann

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather