Im Gespräch mit Markus Berges und Ekki Maas

Teil 2 – Bob Dylan & das Songwriting

In Teil eins unseres Interviews sprachen wir mit Markus Berges und Ekki Maas unter anderem über das Coverbild von Barack Obama, den Song Hoffnungsmaschine und den Echo. (zu Teil 1) Im zweiten Teil sprachen wir mit den beiden Musikern über Bob Dylan, ihren Lieblingssong auf der aktuellen Platte und den Titel Tutorial.

soundchecker: In der Albumpause, die ihr mit Erdmöbel gemacht habt, habt ihr euch beide auf unterschiedliche Weise mit Bob Dylan beschäftigt. War es Zufall, dass ihr beide diese Person in der Zeit aufgegriffen habt?

Ekki Maas: Zufall ist das natürlich nicht, dass man Bob Dylan gut findet, wenn man auf Musik steht, die keine Egal-Texte hat. Und Bob Dylan hat da schon Türen geöffnet, die ohne ihn niemals geöffnet worden wären. Deswegen sind viele Leute, die selber Songs schreiben auch Bob-Dylan-Fans. Ansonsten ist unser Ansatz da sehr verschieden. Ich habe das Zeug schon mein Leben lang immer gespielt und musste jetzt gar nicht groß Sachen erfinden. Ich wollte es bloß einmal aufnehmen, weil ich als Kind schon Bob Dylan-Songs gespielt habe. Dann habe ich als Zeitvertreib 32 Stücke aufgenommen und habe dieses Album rausgebracht, weil man das heutzutage so leicht machen kann. Man stellt das einfach im Streaming und bei den Downloadplattformen ein und das war es dann. Ein schöner Spaß.

Markus Berges: Aber es ist tatsächlich eigentlich interessant. Auf sehr unterschiedliche Weise sind wir Dylan-Fans und wir sprechen eigentlich so gut wie nie darüber.

Ekki Maas: Man kann da ja auch nicht drüber sprechen. Man kann höchsten darüber sprechen, was der Typ für ein komischer Vogel ist. Aber das ist mir eigentlich relativ egal, weil ich finde seine Musik schön.

Markus Berges: Das sehen die Dylanisten ganz anders. (Ekki Maas lacht) Die können sich echt Stunden lang darüber unterhalten.

Ekki Maas: Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Man soll einfach die Musik anhören und sagen „ist gut“ oder „ist scheiße“. Man geht halt zu den Konzerten und muss sich halt bieten lassen, dass er manchmal auch nur Katzenmusik macht. Das muss man dann aushalten. Man darf dann nicht, wie ich beispielsweise 1986, als er in der Westfalenhalle war und wirklich fürchterlich gespielt hat, denken scheiße es ist vorbei. Ich hab dann wirklich fünf Jahre kein Bob Dylan hören können, weil es so grauenvoll war. Da lag ich falsch. Darum geht es bei Bob Dylan nicht. Ob der mal ein Konzert versemmelt oder nicht ist scheißegal. Es geht darum, dass die Songs gut sind und er damit machen darf, was er will. Aber nicht jeder andere darf damit machen was er will. Übersetzen zum Beispiel ist sehr schwierig – das hat eigentlich noch keiner gut gemacht.

soundchecker: In der Zeit eurer Albenpause und der beiden Veröffentlichungen von euch ist Bob Dylan mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Wie steht ihr als Musiker und Texter dazu, dass es jetzt für Songtexte den Nobelpreis für Literatur gibt?

Markus Berges: Ich fand das total großartig. Ich habe mich wahnsinnig gefreut als diese Nachricht kam und bin jubelnd durch’s Haus gelaufen. Ich habe mich richtig total gefreut. Also erstmal habe ich mich für ihn gefreut – ich glaube mehr als er sich selbst gefreut hat.

Ekki Maas: Er hat sich ja nicht gefreut. Das ist auch verrückt.

Markus Berges: Und ich hab mich total über dieses Statement gefreut. Es ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich muss sagen ich fühle mich als Songwriter selber damit geehrt. Besonders vor dem Hintergrund, dass dort Songs auch als Sprachkunst geehrt werden. Das hat es in der Form noch nicht gegeben, das hat es bisher nur für Lyriker gegeben. Und diese Grenze mal zumindest anzutasten hat mich unheimlich gefreut und das finde ich auch wichtig. Ich habe danach auch noch mit einigen Leuten aus dem Buchbereich sprechen können – also auch beispielsweise Buchhändler – die das nicht eingesehen haben. Es war interessant wahrzunehmen, dass das tatsächlich auch eine reale Trennung für viele Leute gibt. Ich kenne in meinem Umfeld keine Leute, die das als Provokation sehen oder sagen würden das sei keine Literatur. Aber ich habe dann auf Lesungen Leute kennengelernt, die das so gesehen haben und das war total interessant. Ich fand die Argumente die mir da entgegengebracht wurden auch nicht sehr überzeugend.

Ekki Maas: (lacht) Das war schön. Gerade auch weil es jemand geschafft hat, der halt kein Intellektueller ist. Sondern jemand, der ein Literat aus dem Bauch heraus ist. Es ist nicht unkompliziert was er macht, bloß es ist halt nie konstruiert. Er hat selber ja auch durchaus Probleme damit sich so wahrzunehmen wie jemand der beispielsweise einen Roman schreiben würde. Auch mit seiner Rede die er abgepinnt hat – er hat die Rede nicht hingekriegt… (lacht) Das ist wirklich gut.

soundchecker: Es ist schon ironisch ein Literaturnobelpreisträger, der es nicht schafft seine Rede zu schreiben.

Ekki Maas: Ja, das ist das eine. Und das andere ist, dass er auch seine Songs ein bisschen so geschrieben hat. Er hat ganz viel abgeschrieben, ohne dass man hätte sagen, dass er sich einfach irgendwo nur bedient hat. Es ist immer etwas Neues entstanden – das ist auch für einen selbst eine sehr interessante Sache. Es ist in Ordnung wenn man sich irgendwo bedient und aus Dingen Dinge macht.

Markus Berges: Sagen wir mal so: Es gibt keine Kunst ohne Scharlatanerie. Und die liegt bei Bob Dylan etwas offener zu Tage, als bei anderen Literaten. Ich glaube auch für ihn selber.

Ekki Maas: Ich glaube deswegen hat er es auch nicht toll finden können, dass er da jetzt geehrt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Gefühl hatte, dass das gar nicht sein Ziel war. Wenn ich er wäre, wäre ich vor allen Dingen geschockt gewesen, auch wenn viele Leute vorher gefordert haben er solle den Nobelpreis bekommen. Er hat das aber nicht dafür gemacht – er wollte Elvis sein.

soundchecker: Ist er in seinen Augen immernoch der Junge aus Duluth, der nach New York gehen wollte um dort in irgendwelchen Clubs zu spielen?

Ekki Maas: Das ist er bestimmt nicht. Das glaube ich nicht. Er hat ja gesagt: „Ich bin jetzt nicht mehr der Junge aus Duluth. Ich bin jetzt derjenige der in New York der große – was immer – ist“.  Er hat alles zurückgelassen, er hat auch wahrscheinlich nur noch sporadisch Kontakt mit seinem Elternhaus gehabt und so weiter. Das ist interessante bei ihm, dass er wirklich den Bruch gemacht mit der Kindheit und gesagt hat: „Jetzt bin ich wer anders. Jetzt bin ich Bob Dylan“ – und nicht mehr Robert Zimmerman.

Markus Berges: Aber um mal eine Sache festzuhalten: Man kann sich unheimlich schlecht über Bob Dylan unterhalten.

Ekki Maas: Aber man kann ganz viel über seine Person sagen, aber das ist ein anderes Thema – finde ich. Denn seine Songs – und das fängt mit der zweiten Platte an, wo nur eigene Songs drauf sind – sind alles Hits. Für mich ist das so definiert – das ist irre. Und das geht über die ganzen 60er-Jahre so weiter und dann wurde die Schlagzahl etwas geringer bis heute. Aber es ist immernoch so, dass da Sachen drauf sind, wo man denkt „Oh! Donnerwetter.“.

soundchecker: Ekki, Du sprachst gerade schon von der Kunst aus Dingen Dinge zu machen. Das findet ja auch auf eurem aktuellen Album statt: Barack Obama ist ja mehr oder weniger eine gesungenen Pressemitteilung und Tutorial ist ein in einen Song verwandeltes youtube-Video, oder?

Markus Berges: Genau. Es ist halt frei übersetzt, aber es ist schon noch nah dran am Original. Dadurch das Musik draus gemacht wird und auch dadurch, dass ich das performe wird es in einen komplett anderen Kontext gesetzt.

soundchecker: Mit dem Video dazu seid ihr für einen Kurzfilmpreis nominiert. Wie wichtig ist es euch Kunstrichtungen zu kombinieren.

Ekki Maas: Wichtig ist uns das insofern, als dass uns das Spaß macht. Seit man selber Videos machen kann – also ungefähr seit dem Jahr 2000 – machen wir regelmäßig Videos und haben daran großen Spaß. Teilweise machen wir das selber. In diesem Fall haben wir einen Regisseur gehabt, der sich da sehr reingekniet hat. Ich glaube wir hätten das alleine gar nicht hinkriegen können. Und das ist schon wichtig. Als Kunstform ist das wichtig – aber natürlich auch als Promo-Mittel.

Und zu dem Preis: Wir hoffen, dass wir den Preis gewinnen, weil dann können wir endlich den Regisseur bezahlen. Vielmehr: Er wird dann von jemand anderem bezahlt.

soundchecker: Wie laufen bei euch die Entstehungsprozesse der Songs. Also wer hat beispielsweise die Pressemitteilung gelesen oder das Video gesehen und gesagt: “Lass uns daraus einen Song machen.“?

Markus Berges: Das mache ich. Die Ideen kommen von mir und ich schreib dann erstmal die Texte und auch die Musik. Dann gibt es eigentlich zwei Prozesse: Einmal ist es so, dass meistens erstmal nur Ekki zunächst rückmeldend da eingreift. Hier ist die Frage ob er die Dinge so findet, dass er gleich damit weiterarbeiten kann. Das bedeutet auch immer auf musikalischer Ebene verändern. Und auf textlicher Ebene ist es auch manchmal so, dass er sagt, dass für ihn etwas so noch nicht funktoniert.

Ekki Maas: Ich passe halt auf, dass ich die Sachen vermitteln kann.

Markus Berges: In 90% der Fälle überarbeite ich das dann auch nochmal und finde die Idee auch tatsächlich besser. Das ist dann die einfache Produzententätigkeit. Das betrifft die Musik mehr als den Text, aber trotzdem bezieht es sich auch auf den Text.

Ekki Maas: Als Produzent versuche ich zu überprüfen, wie gut das ganze kommuniziert. Das ist immer eine Gratwanderung, weil Markus Texte schreibt, die schon ein wenig kryptisch sein dürfen. Es ist nicht so, dass es verboten ist, dass der Zuhörer mal etwas nicht oder falsch versteht. Das ist durchaus erwünscht. Trotzdem gibt es manchmal so Stellen wo ich Änderungen überlege, die mehr bewirken könnten. Ich mache ihm dann keine Vorschläge sondern sage: „Die Stelle würde ich gerne besser haben. Mach mal.“ Und dann kommt da was – meistens.

Oft ist es dann auch so – gerade auch bei diesem Album – dass ich gemeckert habe und Markus sich tierisch angestrengt hat um bessere Lösungen zu finden und dann war die erste Version doch besser.

Markus Berges: Was natürlich auch mit Gewöhnung zu tun hat…

Ekki Maas: Ja, er hatte das dann schon mal eingesungen mit dem alten Text und dann ist es ja öfter so, dass, wenn man Sachen zwei- oder dreimal hört, sich plötzlich doch Bilder einstellen, die man beim ersten Mal nicht produziert hat. Und dann kann es sein, dass diese Bilder besonders schön sind, weil es eben nicht so naheliegend war. Mit diesem Effekt spielen wir durchaus bewusst. Es ist gut wenn unsere Musik öfter mal hört. Dann entstehen neue Sachen.

soundchecker: Das finde ich spannend, denn meine erste Reaktion auf das Album bei ersten Durchhören war „gewöhnungsbedürftig“ – im wortwörtlichsten Sinne. Es ist ein Album, in das man sich auf die Dauer erst wirklich einhört.

Ekki Maas: Wenn man ehrlich ist, ist das was man erlebt, wenn man Musik mehrfach hören muss genau das was man bei Musik unbedingt erleben will. Das hat man ja als Kind erlebt, dass man Sachen oft hören musste, denn man hatte nur eine Platte und hat die dann immer wieder gehört. Dann hat man es immer besser verstanden und es ist ein ganz großer Genuss, das zu erleben.

Markus Berges: Wir hören das oft. Und das ist das, was für mich auch heute noch immer die große Freude ist. Es wird halt immer schwieriger: Je mehr man kennt, desto weniger schnell ist man von etwas überrascht. Trotzdem: Wenn es sich ergibt, dass sich ein Album erst bei mehrfachem Hören öffnet, dann ist das genau das worum es eigentlich geht. Das ist der ganz große Genuss. Das ist das, was wir als Hörer so lieben. Das ist aber nichts, was wir bewusst herstellen. Wir versuchen sogar bei der Arbeit immer so einfach wie möglich zu sein.

Ekki Maas: Wir haben die Neigung kompliziert zu sein. Aber da muss man natürlich ein bisschen aufpassen. Wenn es so ist, dass man die Platte nur einmal hören kann und denkt „Die will ich nie wieder hören, das ist mir zu anstrengend.“ – das ist natürlich überhaupt nicht gut. Das versuchen wir zu vermeiden.

Markus Berges: Wir halten es so einfach wie möglich angesichts der Inhalte, die wir vermitteln wollen. Wenn ich die Idee habe „Ich singe jetzt eine Pressemeldung“ und baue sie so um, dass sie musikalisch funktioniert, da wissen wir natürlich, dass das erstmal ein anderer Text ist als man das vorher vielleicht gehört hat. Das würde ich mir dann auch wünschen. Aber natürlich soll es auch kein intelektuelles Vergnügen sein, sondern es soll zu Herzen gehen. Und zwar jeder einzelne verdammte Song auf diesem Album. Und deswegen geht es uns immer darum so einfach wie möglich zu sein.

soundchecker: Wenn man so lange gemeinsam an einer Platte gearbeitet hat, hat man dann ein Lieblingslied auf dem Album oder sind eigentlich alle Songs der Platte Lieblingslieder, weil so viel Arbeit drin steckt?

Ekki Maas: Das ist schon so, aber gleichzeitig ist es auch so, dass einen einige Sachen mehr packen als andere. Zum Beispiel ist es bei mir Ich bleibe jung, das ich zur Zeit gerade sehr berührend finde. Nicht nur weil der Song jedes Mal wenn ich ihn höre wieder anrührt, sondern weil ich das Arrangement auch toll finde. Durch irgendeinen glücklichen Zufall habe ich ein bisschen die Orientierung beim Arrangieren verloren und habe nicht mehr so richtig gewusst, was das für eine Taktart ist. Dann habe ich Sachen dazu gebastelt – die Basslinie zum Beispiel, auch das Keyboard – so dass man eigentlich ständig durcheinander ist und nicht weiß, wo die Eins im Takt ist. Und das ist irgendwie toll. Ich glaube Markus musste sich auch erst umgewöhnen, denn er hatte das ganz anders gemeint. Das Ganze hat einen so schwebenden Charakter dadurch, das ist irre. Das finde ich ganz toll – da ist die Musik so geheimnisvoll, wie ich es liebe.

soundchecker: Und noch eine für alle Fans ganz wichtige Frage. Wird es die Weihnachtskonzerte in diesem Jahr wieder geben?

Ekki Maas: Ja klar. Das ist alles schon geplant und wir sind Weihnachten wieder unterwegs.

soundchecker: Zu guter letzt hole ich mir gerne auch immer wieder Musiktipps ab. Gibt es einen Künstler, den ihr mir empfehlen würdet mal reinzuhören.

Markus Berges: (reckt sein Romano-Armband in die Luft)

Ekki Maas: Romano. Ja, Romano ist super.

Markus Berges: Romano ist einer der ganz wenigen Künstler von denen wir alle vier Fans sind.

Ekki Maas: Wir waren beim Konzert und wir sind keine ausgesprochenen Hip-Hop-Fans, aber wir haben auch nichts gegen Hip Hop. Romano steht da auf der Bühne und ist einfach der größte Entertainer Deutschlands. Und er ist ein dermaßen freundlicher Mensch und trotzdem fehlt es ihm nicht an grausamer Aggressivität, also es ist einfach wunderbar. Der Typ ist ein Phänomen. Spitzentyp!

soundchecker: Ich danke euch, dass ihr euch Zeit für uns genommen habt.

Interview: René Kirschbaum

Bild: Matthias Sandmann

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