Heimspiel für AnnenMayKantereit

Ein Winterabend in Köln, aber AnnenMayKantereit haben bereits ab Januar zu den Konzerten im Frühjahr 2017 ins Palladium nach Köln-Mülheim geladen. Trotz des freitags nicht unüblichen Verkehrschaos in Köln und gleich mehreren Veranstaltungen in der Schanzenstraße – in der sich direkt gegenüber des Palladiums auch noch das E-Werk befindet – haben es doch nahezu alle Besucher noch rechtzeitig zu Konzertbeginn um 20 Uhr in die Halle geschafft.

Als Support Act haben sich die jungen Kölner Musiker für den ersten Teil ihrer Tour die französische Elektro-Pop-Band Her eingeladen. Die beiden Musiker Victor Solf und Simon Carpentier präsentierten dem Publikum gut gestylt im Anzug ihre weich und melancholisch wirkenden Songs und konnten damit durchaus neue Freunde im jungen Kölner Publikum gewinnen. Diese neue Freundschaft wurde nur kurz auf eine Probe gestellt, als Victor Solf erzählte, dass er in Düsseldorf geboren wurde.

In der Umbaupause wurden dann erstmals kurz die Lichtschnüre, die von der Bühne zur Empore des Palladiums gespannt wurden, ähnlich wie es auch auf den Videos des Livekonzerts in Berlin zu sehen ist, getestet. Als die Band dann fast beiläufig die Bühne betrat konnte man meinen, dass es sich immer noch um fleißige Stagehands handelt, die noch letzte Einrichtungen an Mikros und Instrumenten vornehmen. Aber in dem Moment, als Schlagzeuger Severin Kantereit den ersten Song einzählte und plötzlich eine Stimme, die klingt als wäre sie von vielen Jahren Whisky und Zigaretten geprägt worden, das Palladium mit Wohin du gehst wurde das Publikum sofort begeistert und in großartiges Musikereignis mitgenommen.

Diese raumfüllende, mitreißende Stimme gehört natürlich Sänger Henning May, dem man anmerkt wie sehr es ihn noch immer begeistert, dass er gemeinsam mit seinen Schulfreunden und heutigen Bandkollegen Severin Kantereit (Schlagzeug) und Christopher Annen (Gitarre), sowie dem später zur Band gestoßenen Bassisten Malte Huck, sein Hobby zum Beruf machen konnte und in sehr kurzer Zeit den Weg vom Straßenmusiker in Köln zum deutschprachigen Pop-Phänomen zurückgelegt hat. Die Moderationen und Anekdoten des Sängers sind angenehm zurückhaltend und wirken fast schon schüchtern, was im extremen Gegensatz zu dem energischen, raumfüllenden Gesang und den unterhaltsam-kreativen musikalischen Arrangements der Songs steht.

Neben den eigenen Songs des Albums Alles nix konkretes präsentierten die vier jungen Musiker, die in einigen Songs von Ferdinand Schwarz an der Trompete unterstützt wurden, auch einige Coverversion wie das unter anderem durch Boney M bekannte Sunny oder Come Together von den Beatles. Diesen einem breiten Publikum  bekannten Songs spielten AnnenMayKantereit aber nicht einfach nur nach, sondern verpassten ihnen ein ganz neues musikalisches Gewand, an dem sich durch die Vergleichbarkeit auch gut die Kreativität und Musikalität der Band erkennen ließ.

Die Stimmung erreichte natürlich bei den Single-Erfolgen und Radio-Hits Pocahontas und Oft gefragt ihren Höhepunkt. Bemerkenswert war aber auch die Dichte an Feuerzeugflammen, die bei Barfuß am Klavier – dem ersten Stück der Zugabe – sichtbar wurde und so das ruhige Liebeslied, das Henning May als Solostück präsentierte, perfekt untermalte.

Ein besonderes Stimmungshighlight war zudem die AnnenMayKantereit-Version von Nur nicht aus Liebe weinen – einem alten Schlager, der durch die Band Brings vor einigen Jahren den Weg in den Kölner Karneval gefunden hat und entsprechend begeistert auch vom jungen Kölner Publikum aufgenommen. Wissend, dass der Song nicht zu 100% in das sonstige Repertoire passt, berichtete May, dass man für das Konzert am Folgetag geplant sei „M’r losse der Dom in Kölle“ zu spielen.

Einziger kleiner Wermutstropfen war, dass das Konzert bereits nach knapp 80 Minuten mit dem Titel 21, 22, 23 endete und dieser wunderbare Abend leider recht kurz ausfiel. Trotzdem sah man im Palladium rundherum nur glückliche Gesichter, die sich begeistert von der musikalischen Leichtigkeit, die kombiniert mit der markant rauen Stimme Mays den Abend geprägt haben, auf den Heimweg machten.

In vielen Städten im deutschsprachigen Raum und auf einigen Festivals darf man sich in den nächsten Monaten auf den Besuch von AnnenMayKantereit freuen und sich darauf einstellen auf der nahezu komplett ausverkauften Tour eine Menge großartiger Konzertmoment zu erleben. Viele Fans würden sich aber auch neues eigenes Material von der Band wünschen. Man darf gespannt sein, wie die Pläne von Christopher, Henning, Severin und Malte nach der Tour aussehen.

 

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Text: René Kirschbaum
Bild: Fabien J.R. Raclet

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