BAP – mal wieder – immer wieder gerne

Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich zu diesem BAP-Heimspiel gehen soll. Sowohl die letzte Platte von BAP – oder Niedecken’s BAP wie man genauer sagen muss – als auch Wolfgang Niedeckens letztes Soloalbum haben mich nicht restlos überzeugt. Und auch die Lanxess-Arena gehört nicht zu meinen bevorzugten Konzertlocations in der Domstadt.

Aber die ersten Bilder und Posts von den Tourauftaktkonzerten in Kempten und Stuttgart machten dann doch neugierig. Der Blick zum Tickethändler des Vertrauens zeigte, dass noch Innenraumtickets verfügbar waren. Also ging es an diesem Samstag doch noch an den Ort, an dem ich BAP Anfang des Jahrtausends irgendwo im Oberrang sitzend erstmals auf der Övverall-Tour live gesehen habe. Seit diesem Tag habe ich BAP beziehungsweise Wolfgang Niedecken an unterschiedlichsten Orten und unter verschiedensten Umständen live erlebt. Egal ob das erste Konzert irgendwo im Oberrang der Kölnarena oder 2007 quasi die Miniaturausgabe des Ganzen in einer kleinen Eishalle in meinem Heimatort – halt övverall wo et em Steckdos jitt.

Und diese BAP-Erfahrung gab mir die Gewissheit, dass die 50 Euro für diesen Konzertabend gut investiert sein werden, denn man kann in der Regel drei Stunden lang eine tolle Liveband erleben – unabhängig davon ob die letzten Tonträger nun in Dauerschleife durch den CD-Player liefen oder nur der Vollständigkeit halber den Weg in die Plattensammlung geschafft hat, wie auch das Familienalbum Reinrassije Strooßekööter, in dem Wolfgang Niedecken alte BAP-Songs mit Familienbezug im Südstaaten-Style in New Orleans neu einspielte.

Dieser Southern Style prägte auch das Bühnenbild in der Arena. Dem Zuschauer bot sich eine mit Palmen flankierte Veranda mit breiter Treppe, um die herum sich die Band platzierte. Neben der Standardbandbesetzung, die aktuell sechs Musiker umfasst, von denen der für die Tour krankheitsbedingt ausgefallene Werner Kopal durch Marius Goldhammer am Bass ersetzt wurde, hat die Band noch einen 3-köpfigen Bläsersatz mitgenommen, der den Südstaatensound auch auf die Bühne bringen sollte.

Und nicht nur das. Mit den drei Musikern, die Niedecken bei den Proben zu Sing meinen Song kennenlernte, hatte die Band auch die Möglichkeit Songs ins Set aufzunehmen, die länger nicht mehr live zu hören waren oder Songs wie Diss Naach Ess Alles Drin wieder in der originale Albumversion – in diesem Fall mit Trompetenintro  – auf die Bühne zu bringen. Diese Raritäten, die Niedeckens BAP bei jeder irgendwie im Set unterbringt machen den Reiz aus auch bei jeder Tour wieder vor der Bühne zu stehen. So schafften es an diesem Samstag in der Arena unter anderem Psycho Rodeo oder der Geburtstagspogo in einer Southern-Sound-Version auf die Setlist.

Aber natürlich waren auch viele BAP-Klassiker ins Programm und bei Waschsalon, Jupp, Frau ich freu, Do kanns zaubere oder natürlich Verdamp lang her wurde die Kölnarena zum großen Chor und das Konzert zum Mitsingkonzert. Und auch beim allerletzten Song des Abends Jraaduss erwiesen sich die Fans in der fast ausverkauften Arena in Deutz als stimmgewaltig und natürlich auch textsicher. Aber a propos Mitsingkonzert: Zum Abend in der Lanxess-Arena hatten sich BAP auch einige Bühnengäste eingeladen. Für Wie schön dat wör – quasi das kölsche Imagine – durfte Niedecken den Kölner-Mitsingkonzert-Musiker Björn Heuser auf der Bühne begrüßen. Und eine ganz besondere Geschichte hatte sich BAP für die Zugabe überlegt: Für das launische Cover von You ain’t goin‘ nowhere holten sie sich Verstärkung vom ARD Morgenmagazin-Team mit Susan Link, Peter Großmann und Sven Lorig auf die Bühne, bei denen sich vor allem Großmann gesanglich als Niedeckens Duettpartner hervortat.

Diese ungewöhnliche musikalische Konspiration ist ein Paradebeispiel für die Entspannheit, mit der BAP inzwischen die Konzerte spielt. Man nimmt sich Zeit für Experimente, man plaudert kurz zwischen den Songs untereinander und man lässt sich Zeit für verschiedene Umbauarbeiten und Instrumentwechsel. Die entstehenden Pausen nutzt Niedecken um Anekdoten zu den Songs zu erzählen und insbesondere bei dem Block mit Songs aus seinem Familien-Soloalbum auch um den Fans seine Familie vorzustellen, was eine fast schon intime Atmosphäre in der riesigen Halle schaffte. Diese wurde noch dadurch verstärkt wurde, dass auf der großen Leinwand, die sich hinter der Südstaatenterasse befand immer wieder alte Familienfotos zu sehen waren. Wolfgang Niedecken durfte auch viele Familienmitglieder in der Arena begrüßen und erwähnte besonders die 98- oder 99-jährige Tante Ilse und Tante Käthi, die er bat bis zum Ende zu bleiben.

Hierfür musste Tante Käthi aber viel Zeit und Durchhaltevermögen mitbringen. Über drei Stunden und 15 Minuten standen die neun Musiker auf der Bühne bis die letzten Akkorde von Jraaduss verklungen waren und die Zuschauer zu den Klängen von Willy Ostermanns Heimweh nach Köln die Arena verließen. Im Rausgehen wurde viel diskutiert: Begeistert über das was man zu hören bekam, aber wahrscheinlich auch ein wenig traurig über das was trotz allem noch in der Setliste subjektiv gefehlt hat. Denn auch mit dem was man an dem Abend alles nicht zu hören bekam, könnte man nochmal eine gesamte BAP-Konzertlänge füllen und wahrscheinlich noch ein bisschen mehr.

Aber nach einem solchen Konzertabend wollte sich wohl niemand ernsthaft beschweren. Über drei Stunden zwischen zuhören und mitsingen, feiern und nachdenklich sein, Südstadt und Südstaaten machten diesen Abend zu einem Konzert, an das man sich gerne erinnern wird.

Text: René Kirschbaum

Titelbild: Tina Niedecken

Konzertbilder: Ralf Juergens / Claudia Laast

Video/Bilder: https://www.facebook.com/NiedeckensBAP/

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather