All I ever wanted, all I ever needed

Depeche Mode – Global Spirit Tour 2017, Köln, 05.06.2017

Ein erster Applaus brandete bereits auf als sich Depeche Mode an der Seite der Bühne näherten und wurde frenetisch, als Martin Gore, Andrew Fletcher, sowie die Live-Stammgäste Christian Eigner und Peter Gordeno die Bühne betraten. Eine weitere Steigerung erfuhr die Begeisterung dann als Dave Gahan im roten Jackett – das er sehr bald bereits wieder ablegen sollte – in der riesigen „begehbaren“ Videowand auf der Bühne die erste Strophe von Going Backwards inszenierte.

Der Konzert- und gleichzeitig auch Album-Opener vom im März erschienen Werk Spirit beschreibt mit Zeilen wie We’re going backwards / Armed with new technology / Going Backwards / To a caveman mentality auch die Umstände unter denen das Konzert nach den Anschlägen von Manchester und London, sowie der Unterbrechung von Rock am Ring wegen einer Terrorwarnung, stattfand sehr treffend. An der Stelle sollte dann auch nicht unerwähnt bleiben, dass es dem Sicherheitspersonal und der Polizei sehr gut gelungen ist diese latente Gefahrensituation zu managen und ständig ein entspanntes Sicherheitsgefühl zu schaffen.

Mit Backwards startete eine Zeitreise durch 37 Jahre Bandgeschichte, die durch die neuen Songs wie Where’s The Revolution oder Cover Me aber deutlich auch in der Gegenwart verankert war. Unabhängig davon ob es neue oder alte Songs waren: Durch die schier unglaubliche Bühnenpräsenz Dave Gahans sprang der Funke zu jeder Zeit auf das Publikum im Innenraum und auch auf den Tribünen über. Gahans Energie und Ausstrahlung wenn er bei seinen Songs über die Bühne stürmt, derwischgleich und die Arme von sich streckend kreisend durch das Bühnenbild tanzt oder wie ein stolzer Pfau fast arrogant wirkend die Bühne und den angebauten Steg auf und ab marschiert lässt selbst große Stadionbühnen wie diese in Köln-Müngersdorf am Ende zu klein für ihn wirken und so schwappt die Energie wie von selbst in das Publikum weiter. Insbesondere bei den Klassikern wie Enjoy The Silence, Stripped oder Everything Counts, das man seit 2005 nicht mehr in Tour-Sets von Depeche Mode fand, setzte das Publikum die Energie in Stimmgewalt um und verwandelte das Stadion in den größten Chor Kölns.

Flankiert vom eher ruhigen Martin Gore, der bei einer Akustikversion von A Question Of Lust und Home auch ein Gesangsintermezzo lieferte, und dem gewohnt stoisch distanzierten Andy Fletcher und visuell mal kreativ, mal bildgewaltig und mal relativ schlicht oder mit Livebildern durch die Videowall unterstützt powerte Gahan durch das Set, das mit Never Let Me Down Again ein vorläufiges Ende fand.

Ein wenig von dieser überschäumenden Energie hätte man auch dem Support Act The Horrors gewünscht, der einige Stunden vorher den Abend musikalisch eröffnete. Aber bei ihren Rocksongs sprang der Funke noch nicht wirklich über, so dass sie eine solide Performance ablieferten aber nie den Eindruck hinterließen auf einer solch großen Bühne wirklich heimisch zu sein. Aber gerade bei solch großen Stadionkonzerten ist Support Act häufig auch eine undankbare Aufgabe, da gerade das Publikum in den vorderen Reihen häufig musikalisch eher monothematisch interessiert ist.

Wie emotional der Funke ins Publikum überspringen kann zeigte sich dann gleich beim ersten Titel der Zugabe. Für die gefühlvolle Ballade Somebody gehörte die Bühne nochmals Martin Gore und das Kölner Publikum verwandelte während des Songs das RheinEnergie Stadion in ein Meer aus Handylichtern. Anschließend kam auch Dave Gahan wieder auf die Bühne um das Publikum mit Walking In My Shoes gleich in die nächste Extase zu treiben. Anschließend gab es noch einen weiteren besonderen Konzertmoment als Depeche Mode den David-Bowie-Song Heroes coverte und Gahan die besondere Widmung mit dem in den Nachthimmel ausgestreckten Zeigefinger zum Ausdruck brachte. Mit I Feel You und Personal Jesus endete das gut zweistündige Konzert und alle Besucher fühlten sich wohl wie Helden „just for one day“, aber für die Protagonisten des Abends gilt das was während des Songs bereits auf zahlreichen Schildern vor der Bühne zu lesen war: Depeche Mode – Heroes forever and ever.

Text: René Kirschbaum

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather