Absurd aktuell

Wenn man dem Namen seiner kleinen Sommertour folgen darf, dann wehte der Sommerwind Funny van Dannen in der letzten Woche in die Kulturkirche in Köln-Nippes. Und es war tatsächlich wohl einer der letzteren wärmeren Tage des Jahres, an dem sich der Berliner Liedermacher im sommerlichen Outfit mit Hütchen bekleidet im Chorraum mit seiner Gitarre und einem Notenständer einrichtete um dem Kölner Publikum seine Songs zu präsentieren.

Gleich im zweiten Song bekundete er „ich bin nicht mehr und jung und brauche das Geld“ – ob dies wirklich der Antrieb für die Tour darf bezweifelt werden. Schließlich blieben die Bänke im Kirchenschiff stehen, so dass van Dannen ein überwiegend sitzendes Publikum vor sich hatte – was sicherlich der Aufmerksamkeit für die kleinen, oft absurd wirkenden Geschichten, die der aus dem Selfkant stammende Künstler singt, förderlich war.

Und die Geschichten sind jede Aufmerksamkeit wert egal ob es um sein Nuttenauto, die kleine Beschreibung von Nutzungsmöglichkeiten eines Kugelschreibers, die Sinnsuche eines Eimers weiße Farbe oder den sehr langsamen Schildkrötentanz geht. Der Musiker scheint vor kreativen und abwegigen Ideen zu sprühen und moderiert seine Songs in fast gewohnter Lakonie, die ab und an trotzdem den Nagel auf den Kopf trifft.

Denn van Dannen liefert nicht nur absurde Geschichten und Gedankengänge, sondern er ist auch ein geschickter, aufmerksamer Beobachter, der seine Entdeckungen gekonnt immer wieder in Geschichten verpackt. Hierbei beobachtet er in der Familie – wo er zu der Erkenntnis kommt, dass Eltern auch von ihren Kindern einfach mal „Fuck You“ denken – und in der ganzen Welt. Nach eigenem Bekunden sind diese Geschichten alle reine Fantasie. Das kann man glauben – muss man aber sicherlich nicht. Um es aus seinen eigenen Songs zu zitieren: Funny van Dannen lässt auf dem Rummel des Lebens die Sinnlose ziehen. Und an diesem Abend sind keine Nieten in der Tombola.

Aber neben dem alltäglichen Wahnsinn, beobachtet Funny van Dannen auch die Gesellschaft und hat in vielen Songs eine erschreckende Aktualität auch wenn die Abwägung zwischen rassistischen Polizisten und Saharasand bereits fast 10 Jahre alt ist. Der Berliner arbeitet auch gewohnt grotesk die Homophobie im Fußball auf und positioniert sich in vielen Songs gegen Rechts und lässt seiner Sorge über die braunen Flecken in der bunten Gesellschaft freien Lauf. Und selbst Zeilen aus dem 1996 erschienen Song Vaterland haben erschreckende Andockungspunkte in der Gegenwart: „Warum machen wir Deutschen so gründlich die Tags und Graffiti weg / wieso taten wir das nicht längst schon mit all dem Nazidreck?“ Gute Frage – berechtigte Frage. Und leider sicher keine Fantasie.

Aber Funny gibt nicht den politischen oder gesellschaftlichen Oberlehrer, sondern bindet auch diese wichtigen Botschaften wie selbstverständlich in sein Set ein, in dem natürlich auch viele seiner Klassiker wie Gutes Tun, Herzscheiße, Gwendolyn Kucharsky, Nana Mouskouri und Schwarze, Lesbische, Behinderte nicht fehlen durften. Mit all diesen Songs und noch viel mehr verlebten die Fans in der ausverkauften Kulturkirche einen großartigen Abend mit einem versierten Geschichtenerzähler und präzisen Beobachter, der es schafft mit Worten und Bildern so zu spielen, dass die Zuhörer allen Geschichten mit Begeisterung folgen und ihn nach zwei Stunden Musik mit stehenden Ovationen feierten.

 

Text / Bilder: René Kirschbaum

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